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Texte

Angelika Schülke

Erinnerungen an Lanken bei Flötenstein

Anläßlich des großen Schlochauer Kreistreffens im Herbst 1965 in Essen hatte ich das große Glück, meinen ältesten Bruder, Felix Zander, der heute noch als Lehrer in Bottrop tätig ist, nach sechzehn Jahren wiederzusehen. Viele Lankener hat es bekanntlich in den "Kohlenpott" verschlagen. Mit dem Auto des Sohnes von Anna Kanthak (geb. Thom) besuchten wir viele alte Bekannte in der Umgebung Gladbecks. Ja, wer von meinen Schulfreunden und -freundinnen (Jahrgänge 1897-1900) erinnert sich noch unserer?

Wir Zanders waren neun Kinder, davon leben noch sechs (Felix, Angelika, Otto, Oskar, Hedwig, Maria, Paul, Hubert und Elisabeth). Meine Mutter war Maria Zander geb. Schalapski (geb. 1874) und mein Vater, der 40 Jahre lang Lehrer in Lanken war, war Franz Zander (geb. 1873). Unsere Eltern liegen auf dem Friedhof Berlin-Karlshorst begraben. Im Jahre 1925 heiratete ich meinen lieben Mann Otto Schülke aus Flötenstein (geb. 1894).

Und nun will ich von der Heimat erzählen. Ach war diese doch schön! Allein die drei romantisch gelegenen Seen in Lanken oder der Bärsee bei Lankenmühle (Klemmer), das Lankener Heidchen, der Schlipsee, wo wir mit Gliszynskis Steinpilze und andere Pilze sammelten, die frischen Hechte, Schleien und Aale, die wir von Kanthak (Adam) bekamen, die Karauschen und Krebse, die uns meine Brüder fingen: Delikatessen aus uvergeßlicher Heimat!

Und so viel Schnee im Winter! Einmal blieb der Personenzug im Schnee stecken, und Männer aus Lanken mußten die Strecke freischaufeln. Ich weiß es deshalb noch so genau, weil ich in diesem Zuge saß, und ich stiefelte mühsam zu meinen Großeltern, Roman und Anna Schalapski (geb. Lietz), nach Flötenstein.

Wir waren nun mal auf dem "platten Land", und oft übernachteten fremde Lehrer, die zu Konferenzen fuhren, bei meinem Vater in der Lehrerwohnung.

Auf dem Kesselberg in Lanken haben wir zur Winterzeit vier bis fünf Schlitten zusammengebunden; und dann ging's den Berg hinunter. Die Jungen kippten oft um. Wer aber keinen Schlitten besaß, der fuhr in Holzpantinen in Huckstellung bergabwärts. - Sonntags unternahm unser Nachbar Johann Kanthak (Ollhans) eine Schlittenfahrt mit uns; in Decken gehüllt und mit klingenden Glöckchen fuhren wir so nach Penkuhl oder nach Bölzig.

Zur Fastnacht war die Dorfkapelle bei uns in der Schule und abends traf man sich bei Mix oder bei Wollschläger zum Tanz: in Holzpantinen und roten Wabjacken! Feste gab es immerzu: die Krieger-, Lehrer- und Förstervergnügen in Flötenstein und Pflastermühl, im Wäldchen bei Langkafel (August) und anderswo. Wir Kinder zogen dabei oft im abendlichen Fackelzug zu meinem Onkel, Robert Schalapski, wo im Saal getanzt wurde. Wir fuhren auch auf geschmückten Leiterwagen mit Lehrer Thieme und Lehrer Spors und den Kindern (Abbau Flötenstein) ins Grüne. Bekamen wir keinen Pferdewagen, so mußten wir zu Fuß wandern; und dann von Flötenstein (und nachts!) nach Lanken zurück.

Zu Pfingsten holte man Kalmus aus dem Kesselbruch, und wir Kinder brachten davon unseren Großeltern nach Flötenstein. Opa war bestimmt sehr sparsam, doch dafür gab er uns (wie zur Jahrmarktszeit) einen Taler (3 Mark); er sagte dann nur immer, wir sollten dafür keine "Schnurpfeifereien" kaufen.

Im Herbst waren alle größeren Schulkinder mit dem Kartoffelsammeln beschäftigt. Unsere Mutter kochte dann ein riesiges Butterfaß voll "Eintopf", und zwar Mohrrüben und Langwurst. Es war für uns Kinder ein Riesenspaß, wenn dann der Pferdewagen mit dem Essen sowie mit einem großen Korb voll Butterbroten und großen Kaffeekannen kam. Zum Abend gab es Pellkartoffeln, und jeder bekam einen ganzen Salzhering in die Hand.

Na, und an den langen Winterabenden, da wurden Federn geschlissen; bei lustigen Liedern saßen wir um die zusammengerückten Tische bei der Arbeit. Die großen Jungen kamen dann, klopften an die Fenster und holten die Mädchen ab. Es war auch damals, als Anna Strey den Schlager "Puppchen, du bist mein Augenstern" von ihrer Arbeit in der Konservenfabrik mitgebracht hatte. Viele Mädchen aus unserer Gegend arbeiteten "in der Saison" in der Konservenfabrik soweit die Eltern keinen eigenen Hof besaßen, und die Jungen fuhren nach Mecklenburg in die Ziegelei.

Der Lohn der winterlichen Arbeit beim Federnschleißen bestand dann und wann aus Kaffee und Kuchen, und manchmal war auch ein gutes Schnäpschen dabei.

Ach, die Jungen! Es war ganz schlimm mit ihnen, denn zu meiner Schulzeit haben sie sich noch regelrecht bekämpft: mit langen Holzstöcken und Steinen gingen sie aufeinander los. Dieses wurde aber später polizeilich verboten, weil es ausartete.

Gern erinnere ich mich auch noch an unsere Nachbarn zu Hause, Veronika und Peter Kanthak (Ollhans). Im Winter wurde dort Spliss gerissen und für die Gänse wurden Wrucken geschnitten; aber auch das Spinnrad und der Webstuhl waren dann in Betrieb. Aus Schafwolle spannen wir Fäden und webten Stoffe ("Wab" genannt) für Jacken und Anzüge. Besonderen Spaß machte mir das Spulen der Spindeln. Alle diese Erinnerungen an die schöne Kinder- und Jugendzeit erzähle ich immer wieder gern meinem Sohn und seinen Kindern. -

Der zweite Weltkrieg trieb uns dann alle auseinander. Im Jahre 1944 war ich das letzte Mal bei meiner Schwester Hedchen in Rederitz, wo ihr Mann Lehrer war; und von dort unternahm ich einen kleinen Abstecher nach Lanken. Bei Anna Strey blieb ich damals zwei Tage. Reich beschenkt mit Speck, Butter und anderen guten und damals knappen Dingen fuhr ich zu meiner jüngsten Schwester Lieschen und zu meiner Mutter nach Bromberg. Sie wurde am 13. Dezember desselben Jahres 70 Jahre alt. Niemand ahnte damals schon, daß der Russe nur wenige Monate später, im Januar 1945, in Bromberg und in unserer Heimat sein würde. - Meine arme Schwester Lieschen hatte Ende Januar 1945 in Stargard während ihrer Flucht aus der Heimat ein Kind geboren und war danach verstorben. Ihre beiden Jungen kamen im Februar des gleichen Jahres zu uns nach Karlshorst. Meine Mutter und Schwester Maria kamen im Januar 1945 bei 25 Grad Kälte mit einem Treck nach Karlshorst. Hedwig und ihr Mann folgten ihnen. Wir selbst mußten unser Haus in Berlin-Karlshorst am 27. April 1945 innerhalb von drei Stunden verlassen. Bis vor vier Jahren wohnten Russen noch darin. Seit 1949 wohnen wir nun in Westberlin - entschädigt sind wir noch nicht! Aber trotzdem sind wir glücklich und zufrieden auch ohne das alles. Sagt nicht ein altes Gedicht:

"Man fängt im Leben dann und wann
auch wieder mal von vorne an.
Aus Trümmern baue man ein Haus,
und Gottes Segen bleibt nicht aus!"

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