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Texte

Clemens Roggenbuck

Meine Lehr- und "Meister"-Jahre auf dem Krugpeterhof in Flötenstein

Meine am weitesten zurückreichende Erinnerung reicht zurück bis zum Kriegsausbruch 1914. Die Sturmglocke läutete, wir sahen die Reservisten vorbeiziehen, darunter meinen Onkel Hermann Schülke. Ich weiß auch noch, wie ich mich im Holzstall versteckt hatte, weil ich nicht zur Schule wollte. Mein älterer Bruder brachte mich dann hin, ohne bunte Tüte und ohne Ranzen. Lesebuch und Federkasten unter'm Arm. Am 27. Januar wurde in der Schule Kaisers Geburtstag gefeiert. Wir sangen: "Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet in Berlin. Und wär es nicht so weit von hier, so ging ich heut noch hin."

Wie jeder andere Bauernjunge wuchs auch ich allmählich in die Landwirtschaft hinein. Zuerst mußte ich auf die Gänse aufpassen, beim Dreschen im Roßwerk die Pferde treiben, die Schafe hüten. 1921 brannte das Gehöft meines Onkels H. Schülke ab und seine Schafe wurden bei uns untergestellt. Von Verwandten und Bekannten kamen noch einige dazu, so daß ich wohl an die 100 zu betreuen hatte. Auf unserem Hinterplan stand der Schafstall. Gleich nach dem Mittag mußte ich dorthin los mit Schweizi, einem Pudel, der bestimmt älter war als ich. Ich hütete nicht gern, besonders nicht an heißen Tagen, denn während die anderen Jungen sich beim Baden gut sein ließen, mußte ich einsam auf weiter Flur bei meinen Schafen bleiben. An einem besonders heißen Sommertag, das Brot kam gerade aus dem Backofen und konnte noch nicht mit Butter bestrichen werden, bekam ich den trockenen Kanten mit und dazu ein Stück Dauerwurst. Brot und Wurst verputzten Schweizi und ich schon unterwegs und bekamen davon Durst, nicht auszuhalten! Wir trieben unsere Herde mitten auf die Weide und rannten beide querwaldein zu Glischinski an die Pumpe. Die Hand untergehalten und satt getrunken! Als wir zurückkamen, waren die Schafe weg. Ihre Spur ging durch einen großen Roggenschlag auf die junge Serradella, für unsere Schafe ein Leckerbissen! Mit Hilfe des Hundes gelang es mir zwar, sie zurückzutreiben, der Roggen aber, den sie zweimal niedergetreten hatten, lag wie gewalzt. Als ich abends meinen Eltern beichtete, hatten sie wegen der Hitze und meines Durstes zwar Verständnis, meinten aber, wir hätten die Tiere in unserer Abwesenheit in den Stall treiben sollen.

Ein andermal ging es nicht so glimpflich ab. Anstatt zu hüten, sperrte ich die Schafe in den Stall, um zu einem in der Nähe hütenden Freund zu laufen. Ausgerechnet jetzt kam mein Vater des Wegs und befreite die hungrigen Tiere aus ihrem Gefängnis. Mir half kein Weinen. Die Tracht Prügel war fällig.

Im nächsten Jahr wurde ich zum Kuhhirten befördert und mein jüngerer Bruder übernahm die Schafe. Mein Gehilfe war jetzt Karo, ein braunbunter dachsähnlicher Hütehund. Er verstand es, sich bei den Kühen Respekt zu verschaffen. Am unangenehmsten war beim Kühehüten heißes, schwüles Wetter. Wenn die Tiere sich dann der zahlreichen Bremsen nicht erwehren konnten, hoben sie den Schwanz in die Höhe und liefen in ihrer Verzweiflung wild in die Gegend durch Kornfelder, manchmal auch nach Hause. Gegen dieses "Jissen", wie wir es nannten, war man als Hirte machtlos. Ein besonderes Ereignis stand uns Kuhhirten am Pfingstsonnabend bevor. Dann schmückten wir die Kühe mit Birkenreisern. Wer viele Kühe "ausgepfingstet" hatte, bekam von den Eltern bzw. seinem Bauern auch viel Pfingstgeld. Auch die Pferde wurden ausgepfingstet und selbstverständlich prangten zum Pfingstfest alle Häuser Flötensteins in schönstem Maiengrün.

Nach der Schulentlassung übernahm ich das 3. Gespann. Damit war mein sehnlichster Wunsch erfüllt und es störte mich wenig, daß es unsere älteste Pferde waren. Erfreut war ich, daß ich jetzt sonntags frei hatte und Sport treiben konnte.

Mein Vater machte mich nacheinander mit allen Handarbeiten vertraut. Ich lernte mit der Hand säen und mit der Sense mähen. Beides begriff ich schnell, nicht so schnell aber bekam ich das Sensenstreichen in Griff. Hier mußte mein Vater des öfteren einspringen. Schwierigkeiten bereitete auch das Dengeln. Bald bekam ich meine eigene Sense, die ich wegen ihres guten Schnittes jahrelang in Ehren hielt. Ich war recht stolz, daß ich als Sechzehnjähriger auf unseren Moorwiesen mit 6 bis 8 Schnittern mithalten konnte. 1927 bekamen wir unseren ersten Kartoffelroder. Gegenüber dem früheren Hacken ging es nun schneller und die Anbaufläche konnte erweitert werden. Zum winterfesten Abdecken der Kartoffel- und Wrukenmieten holten wir Moos aus dem Walde. Bald ging es dann an's Dreschen. Mein Vater legte Wert darauf, daß die Serradella mit dem Flegel gedroschen wurde; denn das für die Schweinefütterung so wertvolle Kaff durfte nicht soviel grobe Teile enthalten und das als Heuersatz nicht weniger wertvolle Serradellastroh sollte durch die Dreschmaschine nicht zu klein zerschlagen werden. So habe ich auch das Dreschen mit dem Flegel gelernt. Das Flegeln mit 3 Mann war "langweilig", mit 4 Mann "interessant" und mit 5 bis 6 Mann "gekonnt". Die Takte: Bei 3 Mann "slaut - Katt - deot", bei 4 Mann "slaut - Katt - ganz - deot" und bei 6 Mann "kü - gel - che - ba - kel - che".

Ein aufregender Tag im Winter war der Schlachttag. Meistens vor der Fastnachtszeit schlachteten wir eine Kuh und zwei Schweine von 4 1/2 bis 5 Zentnern. Fleischermeister Adolf Hofmann war jahrelang unser Hausschlachter. Er war nicht mehr der Jüngste und auf einem Auge blind. So kam es vor, daß er nicht immer gleich beim ersten Hieb richtig traf. Die Fleischverarbeitung war eine höllische Arbeit und ging bis in die Nacht hinein. Man legte besonderen Wert auf Speck und Liesen. Waren sie nicht mindestens handdick, so waren es auch keine richtigen Schlachtschweine gewesen. Enten- und Gänsebraten sorgten auf dem Tisch für Abwechslung. Ein Hammel lieferte im Herbst das Frischfleisch.

Als ich älter und reifer geworden und durch die harte Lehre meines Vaters gegangen war, wurde ich von meinen Eltern als Erbe vorgesehen. Wir waren 10 Geschwister, 6 Brüder, 4 Schwestern. Unser Hof lag mitten im Dorf am Marktplatz. Er war 533 Morgen (133,25 ha) groß, der zweitgrößte in der Gemeinde. Wir waren eine alteingesessene Sippe und konnten unseren Stammbaum bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Mein Großvater Peter Roggenbuck (Krugpeter) hatte ein noch größeres Anwesen mit einer Gastwirtschaft. Er teilte den Hof. Mein Vater erbte den eigentlichen Hof in der genannten Größe, meine Tante Antonie den Krug mit 80 Morgen Land. Die Wirtschaftsgebäude wurden geteilt und erweitert. Onkel Johann bekam den Plan in der Nähe des Bahnhofs mit 200 Morgen. Hier wurden neue Gebäude erstellt. Die anderen beiden Onkel wanderten nach Amerika aus und wurden dort Farmer.

Es gab in Flötenstein über 40 Familien Roggenbuck. Sie führten zur Unterscheidung alle einen Beinamen. Geläufig sind mir noch die folgenden: Bauer Hannes, Bonin Albert, B. Franz, Chaussee Hann, Ch. Josef, Chrischer Albert, Dieme Franz, Eng Hann, Fiedel Albert, F. Franz, F. Hann, Friseur Paul, Gottlieb Paul, Joscher Franz, Kescher Albert, K. Franz, K. Hann, Krugpeters Albert, K. Franz, K. Josef, K. Clemens, Lobber Albert, Maler Albert, M. Hann, Maurer Peter, Murchel Albert, M. Franz, Naubers Michel, Sprengel Hann, Stuser Albert, Thiele Hann, T. Otto, Tribek Albert, Vätchen Josef. Bei meinem seltenen Vornamen hörte ich das "Krugpeters Clemens" aber nur noch selten. Besonders bei der Jugend hieß ich meist "Herr Clemens" und meine Frau "Frau Cl".

Nach dem Tode meiner Eltern im Jahre 1935 erbte ich den Hof. Als dann meine letzten Geschwister aus dem Hause gingen, verheiratete ich mich. Mein Vorsatz war, mein Erbe zu erhalten, zu modernisieren und auch möglichst zu vergrößern. Von 1935 ab vermehrte ich Süßlupinen im Anbauvertrag, einige Jahre später nutzte ich sie als Viehfutter. Der Hinterplan, auf dem früher die Schafe weideten, wurde ihr Anbaugebiet. Die Schafhaltung wurde eingeschränkt, der Bestand an Milchkühen erhöht. 1938 baute ich einen neuen Viehstall. Seit 1936 vermehrte ich Pflanzkartoffeln und erweiterte deren Anbaufläche von Jahr zu Jahr. Ich kaufte einen 20-PS-Schlepper, einen 9-Fuß-Zapfwellenbinder und einen Kartoffel-Vorratsroder, den "Schatzgräber". Jetzt war die Kartoffelernte eine feine Sache! Wo früher bei 15 ha 10 bis 12 Mann sich mit der Hacke 3 bis 4 Wochen lang geplagt hatten, machte ich bei gleicher Sammlerzahl mit dem modernen Roder 65 bis 70 Morgen aus.

Im Polenkrieg war ich Soldat im Grenzschutzregiment als Pionier. Danach wurde ich uk-gestellt. Im Januar 1945 wurde ich zum Volkssturm einberufen. Bevor der Russe kam, war ich zufällig auf Urlaub und konnte mit meiner Familie nicht flüchten. Wir wurden aber "überrollt" und kehrten zurück nach Flötenstein. Im Sommer mußte ich für die Russen bei der Ernte und beim Dreschen helfen. Danach hatte ich für die neuen Herren, die Polen, zu arbeiten. Unseren Hof mußten wir verlassen und wurden auch danach mehrmals zur Umsiedlung in andere Wohnungen gezwungen.

Am 20. 8. 1946 wurden wir ausgewiesen. In Stettin-Frauendorf hielten uns die Polen 5 Wochen im Lager Fest. Fast wären unsere Kinder hier verhungert. Wir waren deshalb heilfroh, als wir gen Westen fuhren und in Lübeck ankamen. Schon am nächsten Tag ging es weiter in Richtung Rheinland. Nach 3 Tagen wurden wir mit LKW in den Amtsbezirk Ludendorf befördert und in einzelne Gemeinden aufgeteilt. Meine Familie kam in das Dorf Buschoven, Bonn-Land, ein Bauerndorf von etwa 800 Einwohnern. Es war Sonnabend, der 27. 9. 1946 und das Dorf feierte Kirmes. Wir hatten ihnen gerade noch gefehlt! Es gab eine Auseinandersetzung zwischen LKW-Fahrer und Ortsvorsteher. Der entschuldigte sich aber danach bei uns, denn 3 Vertriebene waren ihm gemeldet und 9 mußte er unterbringen.

Eigentlich ist die Überschrift dieser Erinnerungen an die Heimat zu anspruchsvoll, da ich in meiner Jugend zur Gehilfenprüfung nicht angehalten wurde und der Landwirtschaftsmeister damals noch nicht erfunden war. Ich habe trotzdem diesen Ausdruck gewählt, weil ich das Glück hatte, von meinem Vater in wahrhaft meisterhafter Weise in die Landwirtschaft unserer Heimat eingeführt zu werden.

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