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Friedrich Schulz

Der Hundeschwanz bei Steinforth

Steinforth, eine Gemeinde mit 207 Einwohnern (1. 1. 38), liegt zwischen Groß Peterkau und Altbraa im nördlichen Zipfel des Kreises Schlochau. Das Grundstück "Hundeschwanz", um das es sich hier handelt, ist auf der Schlochauer Kreiskarte (Maßstab 1 : 100000) verzeichnet. Es liegt zwischen der Oberförsterei Schulzenwalde und der Gemeinde Steinforth.

Als in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts das Gehöft des Freischulzen Semrau in Steinforth abgebrannt war, erstand das neuerbaute Gehöft dafür nicht mehr im Dorfe, sondern außerhalb des Ortes auf dem Felde an der Straße nach Rummelsburg. Angrenzend lag das Gut Schulzenwalde, das früher, als noch kein großer Wald da war, Schulzenerde hieß. Dann aber sind die Bäume geschlossen aufgewachsen, und es ist später ein staatliches Forstamt geworden. Schulzenerde wurde es genannt, weil es früher zum Besitzstand des Schulzen (Gemeindevorsteher, Bürgermeister) in Starsen gehört hat.

Mag nun Schulzenerde doch nicht ganz waldlos gewesen sein. Jedenfalls hatte es zu der Zeit, als unsere Geschichte spielt, einen Privatförster. Ausgerüstet fast wie ein staatlicher Jäger - grüner Anzug, Dackel, Rucksack usw. -, befand er sich auf dem Wege zum Kruge nach Steinforth. Er hielt beim Neubau des Freischulzen an, unterhielt sich mit den Handwerkern über dies und das, während sein Hund in den Ecken des Hauses herumstöberte und schließlich auf Wurst stieß, die sich ein Maurer zum zweiten Frühstück mitgebracht hatte. Mit Hunden hatte unser Handwerker nicht gerechnet und darum sein Essen nicht hoch genug verwahrt. - Was tut nun ein Dackel, wenn er unvermutet und unbeobachtet auf Wurst stößt? Er langt hin und frißt sie ohne weiteres gleich auf, und wenn er schon beim Verzehren derselben ist, geniert er sich auch gar nicht, wenn andere es sehen. Es bemerkten das nun weitere Leute, und ohne viel Worte zu machen, hackte der Eigentümer des Frühstücks dem kleinen Hunde den Schwanz ab, indem er sagte: "Nimmst du mir meine Wurst, nehme ich dir deine!" Dem Förster blieb diese Rache nicht verborgen. Er machte noch tückische Einwendungen, aber deshalb wuchs der Schwanz doch nicht wieder an. Die Lacher hatte er nicht auf seiner Seite. Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen. Zuletzt hielt er vom Wortgeplänkel an und ging still zum Kruge nach Steinforth weiter.

Zurück mußte er wieder bei diesem Neubau vorbei. Und was sah er nun? Die Maurer hatten den Schwanz von seinem Dackel hoch oben im Dachfirst eingemauert, so daß er von allen Menschen, die vorbeikamen, gesehen werden konnte, und jedermann erhielt Auskunft, wenn er das wünschte, warum das geschehen war. Das neue Haus und mit ihm auch das dazu gehörende Grundstück erhielt im Volksmunde - zwar nicht offiziell, doch allgemein gebräuchlich - den Namen Hundeschwanz.

Später, nach vielen Jahren, wurden beide, Gebäude und Boden, dem Forstfiskus als Kaufobjekt angeboten. In solchen Fällen muß dann der zuständige staatliche Forstrat (später Oberforstmeister genannt) das Gut ansehen, taxieren und ein vorläufiges Urteil über das Ganze abgeben.

Nun gab es aber noch ein anderes Steinforth, eine staatliche Försterei, in der Nähe. Der Forstrat kam in Neubraa mit der Eisenbahn an, der Kutscher Pioch vom Privatgut Neubraa holte ihn mit dem Fuhrwerk ab, und auf seine Frage: "Wohin?", antwortete der andre: "Nach Steinforth." Wenn ein hoher Forstbeamter kam und nach Steinforth hinwollte, so koppelte der Kutscher still, so war doch nur die Försterei das Ziel. - Der Herr hatte nur von der Regierung seinen Auftrag und brauchte privat sich mit niemand unterhalten. Am vermeintlichen Orte angekommen, fing er gleich zu taxieren. Schließlich äußerte er sich: "Das kommt mir hier alles noch so neu vor." Der Kutscher horcht auf, und sie kommen ins Gerede. "Ach, dann wollten Sie wohl nach Hundeschwanz?" sagt der Kutscher. "Ja, ja, nach Hundeschwanz!" ergänzt der Forstrat. - Mit dem Verlust von einem halben Tage - Försterei Steinforth und Hundeschwanz liegen verhältnismäßig weit auseinander - landen sie an Ort und Stelle, eben in dem im Volksmunde gebräuchlichen - Hundeschwanz.

Das Gut wurde nicht vom Forstfiskus angekauft, sondern blieb im Privatbesitz. Der letzte deutsche Besitzer hieß Kanthak. Er war ein tüchtiger Wirt und hat den Beweis geliefert, daß alle Güter im Kreise Schlochau gute Erträge bringen, wenn der Besitzer selbst die Hand an die Arbeit legt und das Erbe von den Ahnen in Ehren hält.

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