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Texte

Alexandra Flemming

Es gibt auf dieser Erde einen Ort

Es gibt auf dieser Erde einen Ort, der ist so winzig und abgelegen, daß ein Besucher ihn trotz Landkarte kaum zu finden vermag, vorausgesetzt er will unbedingt dorthin.
Es gab hier keine geschichtsträchtigen Ereignisse, die es wert wären, ihn in den Historien zu erwähnen. Es gab auch keine wundersamen Vorkommnisse, durch die er hätte ein Wallfahrtsort werden können.
Dieser Ort, er hat keine Kirche, kein Rathaus, kein Denkmal, nicht mal einen eignen Friedhof. Und dennoch war er Generationen von Familien liebste Heimat und gleichermaßen Schauplatz schwerer Schicksale, als auch vieler glücklicher Erinnerungen in einer der fraglos schwersten Zeiten unseres Kontinents.

Um 1724 kam ein Mann namens Martin Flemming in die Gegend von Flötenstein. Es wird wohl nie geklärt werden können, ob er, wie manche behaupten als Neffe einer englischen Gräfin hier ein größeres Stück Land erbte oder ob er ein Abtrünniger des in Rummelsburg verbreiteten Adels war. Er ist aber zweifelsohne einer meiner Urahnen und nicht zuletzt auch dank seiner dürfen wir immer noch fast jedes Jahr ein größeres Familienfest feiern.

Ich, Alexandra Flemming, erzähle von Zaleze, einstmals Flemmingsort, zu Gründungszeiten gehörig zu der „Pustkowie Barenbruch". Von den vor Kriegszeiten fast 40 Häusern stehen heute nur noch wenige. Die meisten der ehemaligen Einwohner wurden in die verschiedensten Gegenden Deutschlands verstreut oder wanderten ganz aus Europa aus. Einzig die frühere Schule, die schon damals etwas Besonderes war (nicht zuletzt der vielen Streiche seiner Schüler wegen), ist immer noch beschaulich.
Hierher zu kommen ist wie ein Besuch im Märchenland, Märchen, die wahre Kindheitserinnerungen unserer Väter und Mütter sind und derer zu erzählen, sie anscheinend niemals müde werden. Mir selbst erscheint es wie ein Wunder, daß meine Großmutter mit einer Zahl von 8 Kindern den Krieg und die Flucht aus Pommern vergleichsweise unbeschadet überstand, während mein Großvater, dem Erschießungskommando durch das beherzte Eingreifen seines Kriegsknechts knapp entkommen, in einem sibirischen Lager dennoch den sicheren Tod vor Augen wähnte.

Von dem Haus meiner Großeltern Agnes und Johannes kündet heute nur noch der Trittstein und die Nachfahren eines Fliederbusches, den meine Oma so häufig erwähnte und den sie so sehr liebte. Die Grundmauern von Haus und Stallungen sind angefüllt mit Unrat, so wie alle Überreste der Häuser hier, die im Krieg geplündert, zerstört und später nicht mehr nutzbar gemacht wurden. Einzig die Scheune meines Großvaters steht heute immer noch, seinerzeit wiederverwertet - auf dem Nachbargrundstück. Von dem einstigen Anwesen gibt es keine mir bekannten Fotos und nur wenige dokumentieren das Leben meiner Familie von damals.
Noch lebt „Flemmingsort" von den Erzählungen seiner ehemaligen Einwohner und deren seltenen Besuchen, so wie an Pfingsten dieses Jahres (2003). Eine Gruppe von Vettern, Basen, Onkel und Tanten teilweise mit Partnern wandelten nach langer Zeit mal wieder auf den Spuren ihrer Ahnen. Und so erfreute uns doch sehr, festzustellen, daß es wieder mehr Bewohner in Zaleze gibt, als noch bei unserem letzten Besuch vor über 10 Jahren und nicht bloß Ältere, sondern auch Kinder, die uns fröhlich und unbefangen begegneten.

Flemmingsort

Flemmingsort heute.

Mein Onkel Ewald wurde nicht müde, erzählenderweise die Schar durch den Ort zu führen und das Erlebte wieder ins Gedächtnis zu rufen. Während meine Generation versucht, sich ein lebendiges Bild von damals zu machen, quält die Kinder von „damals" der Anblick der Überreste ihrer Elternhäuser. Von dem einstigen Wirtshaussaal, in dem mein Opa mit seiner Geige zum Tanz aufspielte, sieht man nur noch vereinzelt Bruchstücke der verstuckten Decke im Geröll der Kellertreppe des Nebenhauses. Das letzte Mal standen die Überreste des Hauses noch.

Nahe der „Plachkaulen" im Wald besichtigten wir das Erdloch, welches zum Schutz in den letzten Kriegstagen als Unterstand hätte dienen sollen, und seinen Zweck nicht erfüllte, weil vermutlich alle Schutzsuchenden hierin von der Front überrollt ums Leben gekommen wären. Und dann hatten wir noch die größte Mühe, den kleinen Röskesee (Mittelsee), der einst zum Landbesitz meines Großvaters gehörte, ohne fremde Hilfe zu finden, - bei Tag. Bei unserem letzten Besuch fanden wir ihn sonderbarerweise sogar bei Nacht..., - von allein.
Früher wurden hier von unseren Eltern die Schafe vor dem Scheren gewaschen und sie lernten hier das Schwimmen. Einfach, sich dies vorzustellen: eine idyllische Landschaft eröffnet fast unverändert die Kulisse vergangener Zeiten. Prächtige Seerosen zieren das klare Wasser ebenso wie große Liliengewächse. Und überall gibt es „Knasterbüsche" (Wacholder) in Hülle und Fülle. Von hier nahmen wir auch Erde mit für das Grab unserer Großeltern, die fern ihrer Heimat in Bischofferode ruhen.

Mein Opa wählte Bischofferode nach der Vertreibung zur zweiten Heimat, weil es sich so fromm anhörte. Er hatte damit nicht ganz unrecht. Den Krieg knapp überlebt und die ganze Familie am Leben wiedergefunden zu haben, machte ihn wohl zu einem der christlichsten Menschen auf diesem Planeten und er wurde Küster. Und wenngleich dieser Ort nicht mit Flemmingsort vergleichbar sei, weil ihm der Sand, die Feuchtwiesen und die Seen fehlen und auch der Wind dort nicht so über die Felder streicht, wie er es in dieser Gegend Pommerns tut, so gab es dort doch eine große Zahl gottgläubiger Menschen und ein Stück Natur, die ihn an das, was er so gnadenlos zurücklassen mußte, erinnerten.

Sein Pfeiffchen rauchend, am Kachelofen sitzend, dankbar die Schar seiner Nachkommen betrachtend, gläubig und bescheiden, aber auch stur trotz seines Magenleidens auf seine sauren Heringe bestehend, verbrachte er seinen Lebensabend in Bischofferode.
Meine Oma hatte der Krieg zu einer harten Frau gemacht, zumindest wirkte sie so nach außen. Ich erfuhr erst von meiner Tante bei unserem ersten Besuch in Pommern von den schrecklichen Erlebnissen, die ihr auf der Flucht widerfahren waren. Daß sie dennoch nicht mit dem Schicksal haderte und alles tat, um das Überleben ihrer Kinder zu sichern und ihr nicht zuletzt deshalb niemand gut genug schien, im Kreise der Familie aufgenommen zu werden, ist heute für mich nicht nur nachvollziehbar und verständlich, sondern zollt auch meinen größten Respekt.

Und wenn bei der nächsten Feier mein Vater und seine Geschwister wieder auf pommersches Plattdeutsch von ihren gemeinsamen Streichen erzählen und die alten Lieder singen, wird fern der Heimat für kurze Zeit ein Stück Flemmingsort lebendig.

E-Mail von Alexandra Flemming: aflemming@arcor.de

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