Biblioteka Koczalska - Floetensteiner Bibliothek

www.koczala.hiazintus.com 


Texte

Johannes Döring

Aus den Lebenserinnerungen eines alten Flötensteiners

1. Fahrt in meine Geburtsheimat: Flötenstein, Penkuhl, Eickfier: Krs. Schlochau im Jahre 1883.

"Berlin - Schneidemühl" - aussteigen! Im Wartesaal erscheint ein Eisenbahner, schellt mit seiner Handschelle drei mal, ruft überlaut: "Rrrichtung Jastrow - Neustettin - Baldenburg - Rummelsburg - Stolp einsteigen"! - Auf dem Bahnsteig erscheint derselbe Beamte, schlägt dreimal die Hängeglocke am Stationsgebäude an und ruft vernehmlich: "Richtung J. N. B. R. St. einsteigen! Der Zug steht auf dem deritten Geleis - Abfahrt in vierrr Minuten"! Also nun los! Um einen Sitzplatz - falls 4. Klasse - brauchte man sich nicht zu beeilen; denn nur "Steherchen", oder in neuen Wagen einige Holzbänke längst den Wänden - den Eisenofen mußten die lieben Reisenden selbst bedienen - Beleuchtung: eine kleine Gasflamme an der Decke -. In der Nähe des Zuges ist der zutreffende Zugführer erschienen und pfeift dem Lokomotivführer langanhaltend auf seiner Trillerpfeife zu. Der, das Kommende für ihn in Erwartung, hat verstanden und antwortet mit langem Pfiff der Dampfpfeife - und fauchend, zischend - sch - sch - sch - zieht die Lokomotive an; öfter auch ruckweise, so daß Kinder und Körbe, wohl auch Erwachsene, umfielen. Einmal sah ich einen hohen Eierkorb purzeln: o weh! Armer Händler! -

An kleinen Städten, vielen Dörfern vorüber, durch wenig belebte und dazu eintönige Fluren sind wir endlich in Neustettin: Wieder ein lauter Ruf: Richtung Konitz, Tempelburg, Belgard umsteigen! Noch zwei Stationen (dreiviertel Stunden) und wir sind in Baldenburg: Aussteigen! (falls wir zuerst nach Eickfier und Penkuhl wollen). Die Stadt liegt etwa 1,5 km weiter ab im Tal - falls dorthin oder nach Penkuhl oder Eickfier, so zu Fuß; doch kann man bei Glück wohl vom Bahnhof aus ein Fuhrwerk bestellen.

So in den Jahren von 1880 und der Neuzeit. Vor 1880 war die Gegend, also auch das Hochzeitsgut Bismarcks, völlig außer Verkehr. Diese Bahnstrecke: Neustettin - Stolp ist das Werk Bismarcks - wohl zum großen Teil zugunsten seiner Schwiegereltern - von Putkammer-Reinfeld - gleich nach Baldenburg. Ab Baldenburg nach Eickfier führt eine gute Chaussee in gleicher Richtung, nur linksab von der Chaussee ein Sandweg nach Penkuhl, etwa 6-7 km. Die diese Wege begleitenden Gelände geben schon den Grundcharakter der ganzen großen Gebiete des Kreisabschnitts. -

Oder wollen wir zuerst nach Flötenstein? So in Baldenburg nicht aussteigen, sondern auf der nächsten Station: Reinfeld. Bahnhof R. ist nur kleinste Haltestation und Verladestelle. Etwa 1 km abseits im Tal liegt das Rittergut Reinfeld-von Putkammer. Fahrgelegenheit gab es damals nicht. Doch seit 1900 etwa ist ab hier Bahnverbindung über Flötenstein pp. - Konitz.

Also sind wir ab Schneidemühl in 4-5 Stunden da.

2. Flötenstein ist ein reines Bauerndorf. Wohl gibt es Heimarbeit, wie Spieße spalten, Dachschindeln hauen aus Kiefernkloben und zu meines Vaters Jugendzeit wurden für die Zündholzfabrik in Zanow in Pommern Stäbchen gerissen. In Penkuhl dagegen war das Flechten von Körben und das Herstellen von Futterschwingen aus Kiefernwurzeln, die man aus der Kaschubei (etwa 50 km nördlich) holte, eine einträgliche Beschäftigung. Einige Kleinbauern hausierten mit diesen Produkten, die sie auf ein Gefährt luden, bis tief nach Pommern hinein. - Die "überzähligen" Arbeitskräfte in Flötenstein, wie Männer, Jungmänner und Mädchen, welche selbst aus Bauernfamilien kamen, waren sogenannte "Sachsengänger". Im Winter erschienen die Agenten der Fabriken und Rittergüter aus Sachsen und heuerten die Leute mit einem kleinen Handgeld an. Im Frühjahr erschien der gute Mann dann wieder und holte die so unter Vertrag stehenden Leute ab. Die Waggons standen bereit und die Kolonnen brachen auf. Gegen Weihnachten oder auch danach kehrten sie wieder heim. Je nach Leistung und Sparsamkeit brachten sie 200 bis 400 Mark mit. Das war für jene Zeit und die Verhältnisse vor etwa hundert Jahren ein Reichtum, der derartig lockte, daß es im Sommer vielfach an Knechten und Hütejungen fehlte.

Im Winter hatte man folgende Verrichtungen: Waldarbeit, Heimarbeit, Spinnen und Weben, sowie Stammholzfahren nach der einstigen Holzschneidemühle Hammerstein, später auch nach Seemühle. Dieser Verdienst half den Bauern "an den Jakobi". Allerdings muß man berücksichtigen, daß das Holzfahren auch bei sibirischer Kälte zu geschehen hatte. Von 4 Uhr morgens bis gegen 18 oder gar 20 Uhr abends war man nur mit einem Schluck Korn und einigen Schnitten unterwegs. Der Verdienst betrug pro Woche bis 20 Mark.

3. Und das Bild der Landschaft? Ebene, Sandland, Hügel, Wald und Wald-Heideland, vielfach vom Staat aufgeforstet. Nur die westlichen Gefilde, die sich der pommerschen Grenze nähern, zeigen besseren und hie und da guten Boden. Besonders merkwürdig ist eins: mitten aus der sandigen Ebene turmt plötzlich ein Berg auf, der aus reinem Sand besteht, so der Kafezig-Berg, der etwa 15-20 Meter hoch ist, an der Chaussee Eickfier-Zanderbrück. Ein anderer nordwestlich davon ist der Spitzenberg mit seinen 20 bis 30 Metern. Mitten in einem Wiesen- und Moorgebiet erhebt sich der Angerberg im Gebiet von Eickfier. - Im Penkuhler Moorgebiet stößt man plötzlich auf eine Insel (Lehm) mit einem Ziegeleibetrieb, dem einzigen weit und breit.

Und was haben wir für Gewässer? Da ist zunächst die Alte Zahne im Gebiet Eickfier. Sie zieht durch ein etwa vier bis fünf Kilometer langes Wiesen- und Moorgebiet, welches für die Gemeinde ausreichend Torf liefert. Es ist eine ausgezeichnete Niststätte für Enten. Hunderte stehen bei einem Schuß im August hoch. Zu Pfingsten ist Torfstich. Dann schafft dort groß und klein. Der Grundwasserspiegel beträgt etwa zwei Meter. Damals, im Jahre 1888, war dort nur Handbetrieb (Stichtorf). - Die Neue Zahne durchfließt Penkuhl. Durch ihre großen Uferwiesen macht sie das Dorf zum Unterschied von Eickfier und Flötenstein ziemlich anmutig und belebt: Wäschebleiche, Federvieh, Gebüsch, Erlen und zwei Brücken! - Aber auch Flötenstein hat ein Flüßchen. Ist Quellstufe und wohl Abfluß des Diemensees - durch eine etwa drei Meter hohe Abriegelung getrennt - also wohl durch unterirdisches Druckwasser in Verbindung - jetzt (1935) ausgetrocknet. - Dieses Flüßchen lief vor Jahren recht lebhaft und verlief durch den Garten des Grundstücks Spors-Roggenbuck (Tante Susanne, meiner Mutter Schwester). Es wurde als Tränke für das Vieh genutzt. Hier spielte ich einmal zum Ablaßfest, mit Mutter und Schwester wie alljährlich zu Gaste, mit zwei Kusinen "Greifchen". Ich war damals zehn Jahre alt. Nun war da eine Wäschestelle mit einer Bohle. Das Wasser war etwa einen Meter tief. Als ich beim Spiel in die Enge geriet, rettete ich mich auf diese Wäschebohle, hatte aber nicht bedacht, daß sie nur bis zur Mitte des Wassers reichte. Ich glitt aus und "plumps", lag ich drinnen. Ach, diese Blamage! Und der neue Anzug!

Seen! Eickfier hat mit dem Bölzigsee als Grenzsee Verbindung zum Wasser. In der Nähe liegt Seemühle mit einer Abschleusung, die eine Mahl- und Holzschneidemühle betreibt. Hierher fuhr meine Mutter alljährlich zur Bleiche. Von dieser Mühle bekamen wir das Mehl für unser Geschäft. Hier führt auch die Bahnlinie vorbei. Und als sie im Jahre 1880 oder 1881 im Bau war, riß ich meiner Mutter, die dort gerade bei der Großwäsche war, aus und lief zur Ladestelle der Waggons. Dort fand ich meinen Freund und seinen Vater. Der Vater nahm uns beide mit auf eine der Loren, hielt uns fest, und wir rollten ab. Als wir nun auf etwa fünfhundert Schritt an der Mutter und an der ihr helfenden Schwester Mariechen vorbeikamen, da riefen wir "Hurra, hurrah!" Ach, du lieber Gott, was muß das für ein Anblick für meine Mutter gewesen sein! Dieser Schreck, der da in sie fuhr. - Ich kam natürlich wieder wohlbehalten bei Mutter und Schwester an. Aber die ganze Freude des kleinen Ausflugs war verdorben, denn es setzte tüchtige Keile.

Der zweite See lag weiter südlich und abseits aller Wege. Er war sehr tief, und sein weites Ufer war mit Kalmus bestanden. Der dritte See ist mehr Teich und Tränke für Weidevieh. - Penkuhl hat keinen See. Und wie nun einmal alles so sehr ungleich in der Welt verteilt ist, hatte Flötenstein gleich drei Seen, nämlich den Großen Diemensee (etwa 3 km lang), den Barschsee mit dem Sägewerk und den jetzt wohl völlig verwiesten Pfarrsee. - Am Großen Diemensee hatte das Grundstück meines Großvaters ein privilegiertes Fisch- und Krebsrecht.

An Fischen lieferten die heimischen, sehr fischreichen Seen: Barsche, Plötzen und Bleie, daneben der Große Ziethener See noch Kaulbarsche. Das Fischen im Flötensteiner See wurde nicht nach Art der Großfischer betrieben, sondern nur von den angrenzenden Bauern mit Privileg für kleine Netze, also für den Selbstbedarf und für den Absatz im eigenen Dorf. Hechte und Maränen gab es auch, und Krebse waren recht zahlreich. [...]

^nach oben ^

Inhalt

Startseite

Bücher

Texte

Alte Bilder

Urkunden

Links

Kontakt

Werbung


Copyright (c) 2007 - Jacek Bublewicz, www.hiazintus.com
All Rights Reserved
Webmaster: Jacek Bublewicz -
koczala@hiazintus.com