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Texte

Walter Strate

Flötenstein und der Buchweizen

Unvergeßliche, geliebte Heimat!

Lebhaft wollen wir Landsleute des Kreises Schlochau unserer Heimat gedenken, wenn wir heute nachstehenden Aufsatz lesen, welcher alte Erinnerungen an unseren Heimatkreis wachrufen soll.

Im nördlichsten Zipfel unseres Kreises also, in der Gegend um Flötenstein herum, in einer Gegend, wo sich Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen, wie sie bisweilen Wanderer, Feriengäste und Touristen scherzhaft bezeichneten, die dort Erholung und Entspannung an unseren schönen Seen, Fichtenwäldern und in der riesigen Heide suchten und fanden, wuchs ich als Schulknabe auf, der an allem interessiert war.

Jeden Tag gab mir die Natur neue Rätsel auf, die ich auf jeden Fall zu ergründen versuchte. Hier also, wo der "Fliegende Sand" zu Haus war und Nichteinheimische die Erklärungen abgaben, auf dem "Roten Fuchs" könnte einfach nichts gedeihen, wurden sie eines "Besseren" belehrt, wenn sie Gelegenheit hatten, im Sommer vor weißrosablühenden Feldern zu stehen, von denen ein honigsüßer, fast sinnenbetäubender Duft herüberwehte. Mancher Fremdling war erstaunt und fragte sich, was das wohl sein könnte? Für uns war es nichts Neues, denn diese Vorgänge wiederholten sich ja jedes Jahr. Nicht zuletzt war es seit altersher das Korn, welches unsere Väter und Urväter in jedem Jahr aufs neue dem Schoße der Scholle anvertrauten, auf gute Ernte hofften oder darum bangten, das Korn unserer Heimat:

Der Buchweizen!

Hiermit wäre ich bei dem eigentlichen Thema angelangt, wovon hauptsächlich die Rede sein soll. Der Buchweizen, unseren Landsleuten wohlbekannt, ist eine Mehlpflanze mit einer bucheckerähnlichen Frucht, welche der Größe eines Hirsekorns entspricht. Die Schale der Frucht ist tiefbraun, während der eigentliche Kern eine schneeweiße Farbe aufweist. Im Durchschnitt kann man die Länge des Halmes mit 40-60 cm angeben. Herzblattförmige Blätter, die in der Blütezeit von weißrosa Blütendolden unterbrochen werden, verteilen sich vom Stengel nach allen Seiten. Ein jedes Blütchen erscheint als fünfzackiges Sternchen, weiß- bis rosablühend. Nachdem nun im Frühjahr das Korn in die wohlvorbereiteten Äcker gesät wurde, zeigten sich diese nach kürzester Zeit in einem zartgrünen Kleid. Bald hatte das Wachstum der jungen Pflanzen solche Fortschritte erzielt, daß sich eine Krähe darin verstecken konnte. Um diese Zeit gewöhnlich konnte ich dann in jedem Jahr beobachten, wie sich Vater bückte, um den Mistkäfer (Busbung) anzuschauen, ob das Bauchteil mit Läusen behaftet war oder nicht. Nach alter Überlieferung hatte diese Handlung folgende Bewandtnis: Mistkäfer mit läusebedeckten Unterleib prophezeiten eine gute Buchweizenernte voraus, ein nicht mit diesem Ungeziefer behafteter folglich eine Mißernte. Natürlich spielte aber in jeder Hinsicht die Witterung eine große Rolle. Und das wird wohl jeder Bauer unseres Kreises bestätigen, daß unser Boden immer nach Niederschlägen verlangte, sollte darauf etwas gedeihen. Heilfroh waren wir immer, wenn sich wassergeladene Wolkenmassen am Himmel zusammenballten, um als wohltuender Regen herniederzugehen und damit unserem ausgedörrten Boden neuen Nährstoff hinzuzuführen. Selbst wir Jungen betrachteten die bereits erwähnte Angelegenheit mit dem Mistkäfer als eine Selbstverständlichkeit und setzten die Theorie unserer Vorfahren in die Praxis um. Staunend konnten wir dann während der Ernte feststellen, wie recht unsere vor uns gelebten Generationen mit ihrer Erfahrung hatten.

Buchweizen

Buchweizen. Zeichnung von Walter Strate.

Im Juni gewöhnlich begann dann die Zeit der Buchweizenblüte, die außer der Heideblüte zu den schönsten Erlebnissen des Jahres gehörte. Auf meinem Schulweg nach Flemmingsort, der an vielen blühenden Buchweizenfeldern vorbeiführte, begleitete mich ein angenehmer süßlich-herber Honigduft, der selbst noch im Klassenzimmer wahrzunehmen war, da ein Blütenfeld direkt an unseren Schulhof grenzte. Gleichzeitig mit der Blütezeit hatte die größte Honigernte des Jahres begonnen. Für die Bienenväter in der Umgebung gab's damit reichlich viel Arbeit. Unser Lehrer betrieb die Imkerei leidenschaftlich, und so kam es, daß oft in dieser Zeit die Unterrichtspausen ansehnliche Verlängerungen erfuhren, da ihm vielleicht gerade wieder ein neuer Schwarm davongeflogen war. Wie oft wünschten wir Jungen unserem Lehrer 100 Völker Bienen und noch mehr, um in den Genuß noch längerer Freizeit zu gelangen.

Mittags, auf dem Heimweg, kam außer dem süßen Honigduft noch der summende Gesang der Immen hinzu, die im Scharen die Blütenfelder anflogen, um den köstlichen Nektar der Blüten zu sammeln. Dabei waren sie so emsig und fleißig, daß das Beobachten dieser Tierchen sich bestimmt lohnte und eine schöne Freude bereitete. Für unsere Imker verging diese reiche Zeit nur allzuschnell.

Die Blüten erstarben und setzten Frucht an. Damit begann die Reifezeit des Buchweizens. Anfang bis Mitte August war es dann soweit, daß mit der Ernte begonnen werden konnte. So sah man neben aufgestellten Roggen- und Haferstiegen lange Reihen von kleinen Puppen oder "Stucken", die von fern rötlich schimmerten: Buchweizen, zum Nachtrocknen aufgerichtet.

Um nicht zu großen Körnerverlust zu haben, wurde er schnellstens in die Scheunen eingefahren und sofort gedroschen. Gut gesäubert und gereinigt wurde der Buchweizen vorerst auf dem Kornspeicher ausgeschüttet, um weiterhin nachzutrocknen, und im Herbst, wenn nicht allzuviel Arbeit auf der Tagesordnung stand, in die Grützmühle gebracht. Unsere Grützmühle befand sich in Kescherbruch. Nun, das Mahlen und Grützen des Buchweizens war eine Spezialität für sich, die nur wenige Kreise verstanden und beherrschten. So kam es, daß das Handwerk des Grützmüllers in unserem Kreise nicht ausstarb. Für mich war es immer ein großer Tag, wenn ich mit dem Pferdefuhrwerk mitfahren durfte, um vom Grützmüller das fertige Mehl oder die Grütze abzuholen. Auf den Hof zurückgekehrt, hatte sich dann die ganze Familie in froher Erwartung versammelt. Ein jeder prüfte und begutachtete die Erzeugnisse der Grützmühle, und als Junge kam mir diese Handlung sehr kritisch und ernst vor. Als Festessen an solchen Tagen gab es dann selbstverständlich aus neuem Mehl in Schmalz gebackene Pfannkuchen (Plinsen), die, mit Blaubeeren und Zucker gereicht, ganz vorzüglich schmeckten. In allen Familien dampften auf den Tischen der einheimischen Bevölkerung aus Buchweizenmehl oder -grütze hergestellte Gerichte, die man hinwegzudenken gar nicht fertigbrachte, war doch damit eine jahrhundertalte Tradition verbunden. Selbst zur Aufzucht von Hühner-, Gänse- und Entenkücheln war die Grütze von allen Landwirten sehr begehrt. Sogar im Auslande erfreute sich das "Korn unserer Heimat" großer Beliebtheit und war somit ein oft gewünschtes Nahrungsmittel.

Eine Begebenheit, die Tatsache ist, möchte ich noch erwähnen, um dem Ganzen einen netten Abschluß zu geben.

Zwei Männer, die in einer Ortschaft unweit Flötensteins gearbeitet und dort nach Feierabend gezecht hatten, machten sich spät abends auf ihren 8 km langen Heimweg.

Die Nacht war sternenklar, und der Vollmund lächelte verschmitzt, als wolle er sagen: "Euch beiden möchte ich einen kleinen Streich spielen." Auf der Straße von links nach rechts taumelnd, gelangten sie in die Nähe von Lanken, bekannt durch den nach dem Ort benannten See. Plötzlich standen sie vor einem weißglitzernden "Etwas". Geblendet durch des Mondes Licht, glaubten die beiden am Seeufer zu stehen.

Kurz beratschlagten sie. Das endete mit dem Vorsatz, durch den See zu schwimmen, um damit den Heimweg abzukürzen. Gesagt, getan!

Schnell entledigten sie sich ihrer Kleider, banden sie zu einem Bündel zusammen und entschlossen und mutig ruderten sie, wie geübte Schwimmer, ans andere Ufer. Das verschmitz lächelnde Gesicht des Mondes verzog sich zu einem hämischen Grinsen. Gern noch hätte er dem eigenartigen Schauspiel Aufmerksamkeit geschenkt, wenn nicht "Mutter Sonne" an die Ablösung gemahnt hätte. Langsam verkroch er sich in seine Gemächer, während die Sonne glutrot im Osten aufging und damit den Bann der Nacht brach. Die beiden aber störten sich nicht im geringsten an die Veränderung der Natur, sondern traten zum "Endspurt" an. Prustend, fast nüchtern geworden, gelangten sie nach angestrengter Gewalttour ans andere Ufer, welches in Wirklichkeit aber ein Feldweg war, der direkt nach Starsen führte. Verwundert aber waren sie, daß nicht ein einziger Wassertropfen an ihrem Körper haftete. Beinahe glaubten sie an ein biblisches Wunder, trockenen Fußes durch den See gewatet zu sein, als sie sich umdrehten und vor sich ein riesengroßes blühendes Buchweizenfeld wahrnahmen. Verärgert und sich gegenseitig ob ihres Rausches Vorwürfe machend, schritten sie eiligst nach Hause, um nicht gesehen und vielleicht von der Schuljugend verulkt zu werden.

So wurde die Chronik um eine "Originalität" reicher, während viele unserer Kreisblattleser wehmütig an vergangene Zeiten zurückdenken, aber sich auch gern ihrer tollen Streiche erinnern. Mögen wir hoffen, daß baldigst unsere altgewohnten Zustände eintreten, in denen wir glücklich und zufrieden waren.

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